Von gruppendynamischen Südfrüchten und spielsüchtigen Papageien

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen.

So lautet ein altes Sprichwort des deutschen Dichters Matthias Claudius (1740 – 1815).
Um den Reim zu vervollständigen, könnte man hinzufügen:

Wo nur Maschine übersetzt, kann fremde Sprache quälen…

Ja, der geneigte Leser liest richtig: Übersetzung KANN tatsächlich weh tun.
Und zwar genau da, wo sich sprachliche Kurzsichtigkeit und blinde Technikgläubigkeit vereinen.

Nichtsahnend lustwandelt man durch einen reizenden italienischen Tierpark, riecht verzückt an vorhandener Flora, streichelt miefende Ziegen und borstige Wildesel und betrachtet wohlwollend das muntere Treiben der Stockente (Anas plathyrynchos), im Italienischen „Germano Reale“ genannt.
Dem hehren Ziel der Selbstbildung folgend, beugt man sich zur dreisprachigen Teichbegleitungsbeschilderung hinab, um dort Folgendes zu erfahren:

Dreisprachige Hinweistafel Stockente

Völkerkunde am Gardasee - So leben die Deutschen

Nach der Aufzuchtphase, sind die Deutschen in großen Schwärmen und wandern aus den hohen Breiten auf den wärmeren südlichen Gebieten.

Die Deutschen?! Ich fühle mich ertappt.
Ja, es ist wahr, ich habe in der Tat gerade ein wärmeres Gebiet aufgesucht, jedoch zum Behufe des Urlaubmachens. Aufgezogen habe ich zuvor niemanden.

Desweiteren eröffnet man mir: Das Lied der Mann ist lauter.
Ein prüfender Blick in Richtung meines Begleiters ergibt: Ja, auch das ist wahr.
Aber woher WISSEN die das?!
Hektisch blicke ich mich um. Werden wir etwa beobachtet?
Um einer aufsteigenden Paranoia Herr zu werden, wandeln wir weiter.
Und entdecken katastrophale Zustände:

Mandarinente

Gruppendynamisch fliegende Südfrüchte?



Die Mandarinen sind sehr soziale, fliegen sie in großen Gruppen im Winter und friedlich mit anderen Arten von Enten leben. Ich werde Mandarinen in Zukunft bestimmt mit ganz anderen Augen betrachten…

Hinweistafel Unzertrennliche

Spielsüchtige Papageien?

gesellige Vögel, und unter ihnen sind echte Familien von 5 bis 20 Spielern

Zugegeben: 20 Jahre ständig “Live” sein zu müssen, geht bestimmt an niemandem ganz spurlos vorüber.

Beim freundlichen Nasua Nasua, dem äußerst strengriechenden Nasenbären, wird den überraschenden Neuigkeiten allerdings die Krone aufgesetzt:

Hinweistafel Nasenbär

Würden Sie diesem Nasenbären Ihr schmutziges Geschirr anvertrauen?

Der Nasua Nasua, so erfährt man, gehört zur selben Familie dell´Orsetto Geschirrspüler.

Spätestens jetzt werden auch dem ungeübtesten Beobachter zwei Dinge klar:
1.) In Zukunft wäscht man sein Geschirr lieber wieder von Hand.
2.) Hier war wildeste, rein maschinelle Übersetzung am Werk und zwar gänzlich ohne Qualitätskontrolle.
In diesem Fall – es handelt sich um einen Tierpark am Gardasee – hat man sich für eine hübsche Beschilderung finanziell und künstlerisch engagiert, leider komplett am Ziel vorbei.
War ein professioneller Übersetzer zu teuer? Wenn ja, so hat man offensichtlich am falschen Ende gespart.

Da weint das Übersetzerherz
Denn das geht auch besser. So manch einer – ist es blinde Technikgläubigkeit oder sprachliche Ignoranz? – scheint der Auffassung zu sein, dass es beim Thema „Übersetzung“ mit reinem Copy & Paste in ein Internet-Übersetzungsportal getan ist.

Mitnichten: Ein professioneller Übersetzer pflegt seinen Text.
Liebevoll kämmt er die Grammatik, behutsam formt er den Stil, penibel pickt er sich die richtigen Entsprechungen aus seinem Vokabular heraus - ebenso sorgsam kümmert er sich um „die Dinge zwischen den Zeilen“.
Und er wird sich hüten, den sympathischen Nasenbären – einen Verwandten des WASCHbären – der Familie der Geschirrspüler zuzuordnen.

Auf der anderen Seite zeigt dieses Beispiel, wie wichtig die Arbeit von Übersetzerinnen und Übersetzern auch in Zeiten von Google Translator & Co. immer noch ist und bleibt.

Und doch, bei allem Unverständnis, wenn ich ganz tief in mich hineinhöre – und dabei das Weinen meines Übersetzerherzes ignoriere -  so höre ich doch auch eine leise singende Stimme der Freude über ein Stückchen unfreiwillig komischer Poesie:

Die Stadt in Richtung der Ente durch das weibliche getan und kann für Meilen zu hören.

Ich werde diesen Satz in meinem Herzen bewegen, während ich meinen Nasenbären in der Küche einräume.

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